Ein Haus, ein fester Arbeitsplatz, Ehe und nachbarschaftliche Beziehungen: Vieles, was lange mit der Vorstellung von Stabilität verbunden war, wird heute als weniger vorhersehbar oder planbar erlebt. Diese Sicherheiten waren nie für alle gleichermaßen erreichbar – und auch dort, wo sie bestanden, waren sie nie vollkommen sicher. Beziehungen konnten scheitern, Arbeitsplätze verloren gehen und Lebensentwürfe sich verändern. Trotzdem gab es eine verbreitete Vorstellung davon, dass bestimmte Entscheidungen und Lebenswege langfristige Stabilität schaffen können: Wer investiert, baut etwas auf. Wer sich bindet, schafft Verbindlichkeit. Wer Entscheidungen für die Zukunft trifft, kann mit einem gewissen Maß an Beständigkeit rechnen.

Viele junge Menschen erleben diese scheinbaren Gewissheiten heute weniger selbstverständlich. Wohnraum ist vielerorts schwer bezahlbar. Erwerbsbiografien verlaufen nicht immer geradlinig. Beziehungen und Lebensentwürfe verändern sich. Gleichzeitig gehören globale Krisen, gesellschaftliche Konflikte und schnelle technologische Veränderungen zum Alltag.

Damit sind die Bedingungen des Aufwachsens heute nicht ohne Weiteres mit denen früherer Generationen vergleichbar. Und auch die Strategien, die junge Menschen entwickeln, um Verlässlichkeit herzustellen, sind andere.

Die Suche nach Sicherheit

Wenn wir Fitness, digitale Communities, finanzielle Selbstoptimierung oder scheinbar belanglose Konsumtrends vor diesem Hintergrund aus einer anderen Perspektive betrachten, ist vielleicht vieles gar nicht so belanglos. Möglicherweise verbirgt sich dahinter ein gemeinsames Bedürfnis vieler junger Menschen: die Suche nach Sicherheit. Der Wunsch nach finanzieller Unabhängigkeit kann beispielsweise mehr bedeuten als das Streben nach Wohlstand. Er kann Ausdruck des Bedürfnisses sein, möglichst wenig von unsicheren äußeren Umständen abhängig zu sein.

Exkurs: Wenn gesellschaftliche Risiken zur persönlichen Aufgabe werden

Soziologen wie Ulrich Beck und Pierre Bourdieu haben auf unterschiedliche Weise beschrieben, wie stark individuelle Lebenswege von gesellschaftlichen Strukturen geprägt sind. Ulrich Beck machte die Individualisierung zu einem zentralen Begriff seiner Gesellschaftsanalyse: Traditionelle Sicherheiten und vorgegebene Lebenswege verlieren an Verbindlichkeit, während Einzelne ihre Biografie zunehmend selbst gestalten und Entscheidungen treffen müssen (vgl. Beck 1986, S. 206, 216–217). Pierre Bourdieu zeigte zugleich, dass die dafür verfügbaren Ressourcen sehr ungleich verteilt sind. Ökonomisches, kulturelles und soziales Kapital – etwa finanzielle Mittel, Bildung und soziale Netzwerke – beeinflussen die tatsächlichen Handlungsmöglichkeiten eines Menschen und werden wesentlich durch seine soziale Herkunft mitgeprägt (vgl. Bourdieu 1983, S. 185–191). Didier Eribon knüpft daran insbesondere mit Blick auf soziale Herkunft und Klassenzugehörigkeit an. Seine Arbeiten verdeutlichen, wie stark die Sozialisation im Herkunftsmilieu auch dann weiterwirkt, wenn Menschen sozial aufsteigen oder sich von diesem Milieu entfernen (vgl. Eribon 2016, S. 12).

Beck, Ulrich (1986): Risikogesellschaft. Auf dem Weg in eine andere Moderne. Frankfurt am Main: Suhrkamp.
Bourdieu, Pierre (1983): „Ökonomisches Kapital, kulturelles Kapital, soziales Kapital“. In: Reinhard Kreckel (Hrsg.): Soziale Ungleichheiten. Soziale Welt, Sonderband 2. Göttingen: Otto Schwartz, S. 183–198.
Eribon, Didier (2016): Rückkehr nach Reims. Aus dem Französischen von Tobias Haberkorn. Berlin: Suhrkamp.

Auch Beziehungen werden teilweise stärker unter dem Gesichtspunkt persönlicher Absicherung betrachtet. Finanzielle Eigenständigkeit, klare Absprachen oder Eheverträge müssen dann nicht zwangsläufig als Ausdruck mangelnden Vertrauens verstanden werden, sondern können auch als Versuch gesehen werden, Sicherheit in einer potenziell veränderlichen Zukunft herzustellen. Gleichzeitig gewinnen digitale Gemeinschaften an Bedeutung. Menschen finden über gemeinsame Interessen, Erfahrungen, Humor oder Lebenssituationen zueinander – unabhängig davon, ob sie am selben Ort leben.

Auch Begegnungen selbst werden stärker organisiert und kuratiert: über Messenger, Plattformen, Dating-Apps, organisierte Freizeitangebote oder digitale Communities. Gemeinschaft verschwindet dadurch nicht unbedingt. Aber sie verändert ihre Form – und wird häufiger bewusst gesucht, geplant und gestaltet.

Ähnliches lässt sich auch in einem anderen Bereich beobachten: Dort, wo soziale Beziehungen und Lebensumstände weniger selbstverständlich oder vorhersehbar erscheinen, können vertraute Dinge und wiederkehrende Routinen eine besondere Bedeutung bekommen.

Wenn Dinge und Routinen Halt geben

Vor diesem Hintergrund werden auch Trends interessant, die auf den ersten Blick oberflächlich oder rätselhaft wirken können.

Sammelfiguren, bestimmte Marken, Kuscheltiere für Erwachsene oder andere persönliche Gegenstände, die als emotionale Anker dienen können, werden schnell als bloße Konsumphänomene belächelt. Doch Dinge können auch emotionale Funktionen übernehmen. Sie können Erinnerungen tragen, Zugehörigkeit ausdrücken, Routinen schaffen oder Trost vermitteln. Das bedeutet nicht, dass jeder Konsum psychologisch aufgeladen werden muss. Aber es lohnt sich, danach zu fragen, warum gerade Dinge attraktiv werden, die Vertrautheit, Wiedererkennbarkeit und das Gefühl von Beständigkeit versprechen. Vielleicht geht es manchmal weniger um das Produkt selbst als um das Gefühl dahinter: etwas zu besitzen, das bleibt, vertraut ist und sich kontrollieren lässt.

Auch der Boom von Fitnessstudios lässt sich aus dieser Perspektive betrachten.

Training gehört für viele junge Menschen längst selbstverständlich zum Alltag. Häufig wird darüber vor allem im Zusammenhang mit Schönheitsidealen, Körperbildern oder Selbstoptimierung gesprochen. Diese Aspekte spielen zweifellos eine Rolle. Gleichzeitig bietet Training etwas, das in anderen Lebensbereichen nicht immer selbstverständlich ist: eine relativ unmittelbare Erfahrung von Ursache und Wirkung. Wer regelmäßig trainiert, bemerkt Fortschritte. Gewichte können gesteigert werden, Bewegungen fallen leichter, die Ausdauer verbessert sich. Wer Zeit und Energie investiert, kann Veränderungen beobachten. In einer Welt, in der viele langfristige Ziele unsicher erscheinen, kann diese Erfahrung besonders attraktiv sein. Der eigene Körper wird zu einem Bereich, auf den unmittelbarer Einfluss genommen werden kann. Training schafft Routinen, Struktur und messbare Entwicklung. Damit kann das Fitnessstudio auch ein Ort der Selbstwirksamkeit sein: Ich tue etwas – und ich kann erleben, dass mein Handeln einen Unterschied macht.

Aus dieser Perspektive erscheinen manche aktuellen Jugendphänomene weniger als Ausdruck von Oberflächlichkeit, Narzissmus oder mangelnder Belastbarkeit. Solche Motive können durchaus eine Rolle spielen – sie erklären die Phänomene aber nicht vollständig. Vielleicht erleben wir vielmehr unterschiedliche Versuche junger Menschen, unter Bedingungen von Unsicherheit trotzdem Nähe, Orientierung, Geborgenheit und Selbstwirksamkeit herzustellen.

Was bedeutet das für die Jugendsozialarbeit?

Für die Jugendsozialarbeit lässt sich daraus zunächst eine grundlegende Haltung ableiten:

Im Mittelpunkt sollten die Probleme stehen, die Jugendliche haben, und nicht in erster Linie die Probleme, die sie machen.

Franz Josef Krafeld

Diese Perspektive bedeutet nicht, problematisches Verhalten auszublenden oder jede Entwicklung unkritisch zu betrachten. Natürlich ist es wichtig, mögliche problematische Entwicklungen zu erkennen: Finanzielle Selbstoptimierung kann Druck erzeugen, Körperbilder können belastend werden, digitale Gemeinschaften können ausgrenzen oder problematische Dynamiken entwickeln und Konsum kann zum Ersatz für andere Formen der Bedürfnisbefriedigung werden.

Aber ebenso wichtig ist es, die dahinterliegenden Bedürfnisse in den Blick zu nehmen:

  • Hinter dem Wunsch nach finanzieller Unabhängigkeit kann ein Bedürfnis nach Stabilität stehen.
  • Hinter digitalen Gemeinschaften kann die Suche nach Zugehörigkeit liegen.
  • Hinter intensivem Training kann das Bedürfnis nach Selbstwirksamkeit stehen.
  • Hinter Konsumtrends können Trost, Identifikation, Orientierung oder emotionale Sicherheit eine Rolle spielen.

Hinter sehr unterschiedlichen Verhaltensweisen könnten damit ähnliche Fragen stehen:

  • Wo gehöre ich hin?
  • Worauf kann ich mich verlassen?
  • Was kann ich selbst beeinflussen?
  • Wo finde ich Halt, wenn vieles um mich herum unsicher erscheint?

Jugendsozialarbeit kann genau an diesen Fragen ansetzen und versuchen zu verstehen, welche Bedürfnisse diese Strategien erfüllen. Wenn wir das Bedürfnis hinter einem Verhalten erkennen, können wir junge Menschen dabei unterstützen, tragfähige Formen von Sicherheit zu entwickeln – durch Beziehungen, Gemeinschaft, Selbstwirksamkeit und die Erfahrung, mit den eigenen Fragen und Bedürfnissen ernst genommen zu werden.

Denn vielleicht ist die größere Geschichte hinter Fitnessstudios, Social Media, Dating, Finanztrends oder der nächsten Sammelfigur gar nicht der jeweilige Trend. Vielleicht ist es die Geschichte einer Generation, die versucht, in einer schwer vorhersehbaren Welt Orte zu finden, an denen sie sich sicher, verbunden und handlungsfähig fühlt.

ATLAS

Das Projekt ATLAS beobachtet und analysiert digitale Lebenswelten Jugendlicher und bereitet diese Erkenntnisse für die Fachpraxis auf. Ziel ist es, die Dynamiken dieser digitalen Räume besser zu verstehen und daraus Wege abzuleiten, wie reale Teilhabe, Beziehungen und Unterstützungsangebote für junge Menschen gestärkt werden können.

Das Projekt wird umgesetzt von der LAG Mobile Jugendarbeit/Streetwork Baden-Württemberg e. V. und wird finanziert durch das Ministerium für Soziales, Arbeit und Gesundheit aus Landesmitteln, die der Landtag von Baden-Württemberg beschlossen hat.