Wenn Fachkräfte Jugendliche nach ihrem Alltag fragen, geht es häufig um Schule, Familie, Freundschaften oder Freizeitaktivitäten. Ein Bereich bleibt dabei erstaunlich oft außen vor: Social Media.

Dabei sind digitale Plattformen ein wichtiger Teil der jugendlichen Lebenswelten. Hier werden Beziehungen gepflegt, Identitäten ausprobiert, Informationen gesucht und Zugehörigkeit erlebt. Für viele junge Menschen sind Instagram, TikTok, Snapchat oder Discord keine „Online-Welten“, sondern Teil ihrer ganz normalen Lebenswelt.

Trotzdem sind dieser Teil ihres Lebens und die damit verbunden Erfahrungen sehr selten Gegenstand von Gesprächen mit Fachkräften – aus verschiedenen Gründen: Teils fehlt die aktive Nachfrage, teils besteht der Eindruck, dass Erwachsene diese Thematik sowieso nicht verstehen und nicht selten werden Fachkräfte diesbezüglich eher als Personen wahrgenommen, die vor Risiken warnen, anstatt als Gesprächspartner:innen auf Augenhöhe. Dadurch verpassen wir aber wichtige Chancen für Prävention, Beziehungsgestaltung und Unterstützung.

Expertise bedeutet nicht, alles zu kennen

Fachkräfte müssen nicht jeden Trend, jedes Meme und jede neue Plattform kennen. Aber sie sollten ein grundlegendes Verständnis dafür haben, welche Rolle digitale Räume für junge Menschen spielen. Wichtig dafür sind vor allem Interesse, Offenheit und Gesprächsbereitschaft.

Dazu gehören Fragen wie:

  • Welche Plattformen nutzen junge Menschen aktuell?
  • Welche Chancen erleben sie dort?
  • Welche Konflikte, Belastungen oder Unsicherheiten entstehen?
  • Wie beeinflussen Algorithmen, Influencer:innen oder Filter das Selbstbild?
  • Wo begegnen Jugendliche Hass, Desinformation oder problematischen Inhalten?

Nicht warten, bis Jugendliche das Thema ansprechen

Viele Fachkräfte gehen davon aus, dass Jugendliche sich melden, wenn sie Probleme haben – auch in Bezug auf Social Media. Aber häufig wird von den jungen Menschen nur das angesprochen, wo sie sich sicher sind, dass die Fachkraft eine kompetente Ansprechperson ist. Einrichtungen der Jugendsozialarbeit werben selten mit Expertise für digitale Lebenswelten, sondern eher mit Themen wie Bürokratie, Beziehungsprobleme, Schule etc. und werden dementsprechend auch nicht als Expert:innen dafür wahrgenommen. Die Folge? – Belastende Erfahrungen werden häufig nicht thematisiert. Das betrifft beispielsweise:

  • Cybermobbing
  • sexuelle Belästigung
  • problematische Schönheitsideale
  • Verschwörungserzählungen
  • Radikalisierungstendenzen
  • sozialen Druck durch Likes und Reichweite

Die Frage ist nicht ob, sondern wie

Um auch hier als Ansprechpersonen zu dienen, sollten wir Jugendliche in erster Linie ähnlich selbstverständlich nach ihren digitalen Erfahrungen fragen wie nach ihrem Sportverein, ihren Freundschaften oder ihrer Schule.

Fragen könnten sein:

  • „Was beschäftigt dich gerade auf TikTok oder Instagram?“
  • „Gibt es Accounts, die du besonders spannend findest?“
  • „Was nervt dich aktuell in sozialen Netzwerken?“
  • „Hast du dort schon einmal etwas erlebt, das dich beschäftigt hat?“

Solche Fragen signalisieren Interesse statt Kontrolle. Sie eröffnen Gespräche über Themen, die junge Menschen ohnehin täglich begleiten. Fachkräfte müssen dabei keine Social Media Expert:innen sein, sondern nur aufzeigen, dass sie wissen, dass alles was digital passiert eine ebenso wichtige Rolle spielt, wie analoge Erfahrungen, und sie auch hierfür ansprechbar sind.

Fazit

Wenn Social Media ein zentraler Teil jugendlicher Lebenswelten ist, dann muss es auch ein zentraler Gegenstand pädagogischer Praxis sein und von Fachkräften aktiv angesprochen werden.