Empörung, Konflikte und Provokation sind in sozialen Medien nichts Neues. Verändert hat sich jedoch, wie präzise Plattformen inzwischen erfassen können, welche Inhalte Menschen beschäftigen – und wie konsequent Empfehlungssysteme auf diese Signale reagieren.

Aufmerksamkeit ist die zentrale Währung sozialer Medien. Empfehlungssysteme berücksichtigen unter anderem, welche Inhalte angesehen, kommentiert, geteilt oder erneut aufgerufen werden. Das kann Inhalten einen Vorteil verschaffen, die starke Reaktionen hervorrufen. Denn wenn Empörung, Sorge oder Faszination dazu führen, dass Menschen länger bei einem Beitrag bleiben oder stärker mit ihm interagieren, werden genau diese Reaktionen zu Signalen dafür, dass ein Inhalt relevant sein könnte.

Gerade auf TikTok wird dieser Mechanismus besonders sichtbar. Der „Für dich“-Feed orientiert sich stark am bisherigen Nutzungsverhalten. Dabei lässt sich aus einem Verhalten aber nicht ohne Weiteres ablesen, warum jemand bei einem Inhalt hängen bleibt: aus Interesse oder Zustimmung, aus Sorge, Ärger oder vielleicht gerade deshalb, weil ein Thema belastet.

Daraus kann ein paradoxes Ergebnis entstehen. Menschen möchten einen schwierigen emotionalen Zustand vielleicht hinter sich lassen und begegnen dennoch immer wieder Inhalten, die genau diese Gefühle aufgreifen. Wer sich intensiv mit einem frustrierenden Thema beschäftigt, kann auf weitere Beiträge dazu stoßen. Wer sich über gesellschaftliche Entwicklungen ärgert, bekommt möglicherweise weitere Beispiele angezeigt, die diesen Ärger erneut ansprechen. Und wer sich in einer belastenden Lebensphase mit entsprechenden Inhalten beschäftigt, kann Themen immer wieder im Feed begegnen, die diese Erfahrungen präsent halten.

Dahinter muss keine bewusste Absicht stehen, negative Gefühle zu verstärken. Es kann aus der Logik personalisierter Empfehlung entstehen: Was Aufmerksamkeit erhält, wird als Interesse interpretiert – auch wenn der Grund für diese Aufmerksamkeit ein unangenehmes Gefühl ist.

Wie schwer es Jugendlichen teilweise fällt, die eigene Nutzung zu regulieren, zeigt die JIM-Studie 2025: 68 Prozent der befragten 12- bis 19-Jährigen geben an, häufig mehr Zeit am Handy zu verbringen, als sie ursprünglich geplant hatten.

Für die Jugendsozialarbeit ist es deshalb wichtig, nicht nur über Algorithmen, Datenschutz oder Bildschirmzeiten zu sprechen. Ebenso relevant ist die Frage, welche Emotionen digitale Plattformen bei jungen Menschen immer wieder ansprechen. Wann wird aus Interesse eine dauerhafte Beschäftigung mit einem Thema? Wann wird aus Betroffenheit eine Schleife, aus der man nur schwer herausfindet? Und wann entsteht durch den eigenen Feed der Eindruck, die Welt bestehe vor allem aus Konflikten, Krisen und Problemen?

Hier kann Jugendsozialarbeit ansetzen – nicht mit pauschalen Verboten, sondern mit Reflexionsräumen. Jugendliche brauchen Orte, an denen sie über ihre digitalen Erfahrungen sprechen können. Fragen wie „Warum bin ich an diesem Video hängen geblieben?“, „Wie habe ich mich nach zehn Minuten Scrollen gefühlt?“ oder „Welche Inhalte lösen bei mir immer wieder dieselbe Emotion aus?“ können helfen, die eigene Mediennutzung bewusster wahrzunehmen.

Jugendsozialarbeit kann junge Menschen dabei unterstützen, ihre Reflexions-, Urteils- und Handlungskompetenzen zu stärken, um sich selbstbestimmt in digitalen Lebenswelten zu bewegen und diese kritisch zu reflektieren.

Vielleicht sollten wir im Umgang mit TikTok, Instagram oder anderen Plattformen deshalb nicht nur fragen: „Wie viel Zeit verbringen Jugendliche dort?“

Sondern auch: „Mit welchen Gefühlen verbringen sie diese Zeit – und welche davon bleiben, wenn der Feed längst geschlossen ist?“

Hilfreich dafür können zum Beispiel die Materialien und  Methoden von Klicksafe und JFF – Institut für Medienpädagogik sein.

ATLAS

Das Projekt ATLAS beobachtet und analysiert digitale Lebenswelten Jugendlicher und bereitet diese Erkenntnisse für die Fachpraxis auf. Ziel ist es, die Dynamiken dieser digitalen Räume besser zu verstehen und daraus Wege abzuleiten, wie reale Teilhabe, Beziehungen und Unterstützungsangebote für junge Menschen gestärkt werden können.

Das Projekt wird umgesetzt von der LAG Mobile Jugendarbeit/Streetwork Baden-Württemberg e. V. und wird finanziert durch das Ministerium für Soziales, Arbeit und Gesundheit aus Landesmitteln, die der Landtag von Baden-Württemberg beschlossen hat.